Wie viel Leid erträgt ein Mensch?

 

Ich frage mich, wie viel Leid ein Mensch erträgt.

Bilder im Fernsehen von flüchtenden Menschen, von misshandelten Frauen, von Opfer der vielen Bombenattentate, von Müttern, die ihre von Milizen erschossenen Kinder in den Armen halten.

Wie viel Leid erträgt ein Mensch, bevor er vor Kummer oder Schmerzen zusammenbricht? Wie geschieht es, dass Väter oder Onkel ihren eigenen Kindern oder Nichten und Neffen Leid zufügen, bevor diese es herausschreien oder wiederum dem Nächsten Leid zufügen, weil sie in ihrem zerstörten Leben nichts anderes erfahren konnten?

Ich sehe Mütter, vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt und geschlagen, stumm ihr Leid ertragen und dennoch fähig, ihren Kindern die Liebe zu geben, die sie selbst vermissen.

Ich sehe behinderte Menschen, durch die Unachtsamkeit ihrer Mitmenschen zu Leidenden ohne Mitleid und Hilfe geworden, die von hassenden Menschen auf offener Strasse getreten, geprügelt und geschlagen werden.

Und ich sehe viele, unzählige Menschen, die Zeitzeugen von Kriegen, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten werden, und doch – aus Angst oder Scham – stumm in der Rolle des Beobachters verharren, ohne einzugreifen oder aufzuschreien.

Und da sind andere Menschen, die trotz Sanktionen oder gar Folter für Wahrheit und Gerechtigkeit eintreten, die das ihnen zugefügte Leid stellvertretend für andere annehmen und dabei akzeptieren, dass ihr Weg zu ihren Zielen voller Leid ist.

Wie viel Leid erträgt ein Mensch?

Frauen und Männer, von ihren Familien oder Partnern belogen, betrogen, hintergangen und misshandelt. Zu schwach, sich zu wehren. Das Leiden gewohnt. Viele von denen, die einst ihrem Betrüger oder Peiniger entronnen sind, kehren später wieder zu ihm zurück, mit der Hoffnung auf Besserung im Herzen. Um dann weiter zu leiden wie vorher, noch schwächer zur Gegenwehr.

Lernen die Menschen heute eigentlich noch, anderen uneigennützig zu helfen, Leid zu verhindern oder zu lindern statt sich an diesem zu ergötzen? Ist das Leid der anderen zum Gradmesser für das eigene Wohlbefinden geworden in der Gewissheit, dass es einem gemessen am Leid des anderen noch gut geht?

Nur – wie viel Leid erträgt ein Mensch? Wie lange sind die Menschen in den Entwicklungsländern noch bereit, ihre Armut hinzunehmen? Wie lange lässt sich Hunger ertragen? Wie lange beugen sich Menschen einer Diktatur? Wie lange folgt das Volk einem Herrscher, wenn die Menschen keine Schuhe zum Laufen haben?

Es braucht nur einen Funcken in einem mit Gas gefüllten Raum, nur ein Tropfen auf einen bis zum Rand gefüllten Fass oder nur ein falsches Wort zum falschen Zeitpunkt.

Dann erträgt die Mutter des getöteten Kindes, das Opfer von Gewalttaten, der Hungernde oder Frierende das Leid nicht mehr. Dann ist jedes Mittel recht, das eigene Leid zu lindern oder zu beenden. Und dabei entsteht oft wieder neues Leid, für andere Kinder, Mütter oder Väter…

Wie viel Leid erträgt ein Mensch?

„Neue Literatur – Anthologie im Herbst 2006“, Cornelia Goethe Akademieverlag Frankfurt am Main, ISBN 3-86548-640-1, Seite 313-317.

© Anna Raab, 2006