Wider der Vernunft – I & II

 

Wider der Vernunft – I

Kognitive Modelle der Welt sind schön. Sie sind klar strukturiert und logisch. So lassen sich Geschehnisse, Abläufe und Prozesse analysieren und beschreiben.

Doch was ist dann die Realität, wenn wir im richtigen Leben feststellen, dass die Welt nicht logisch funktioniert, sondern psycho-logisch? Der Mensch selbst ist ein komplexes Gebilde und mit seinem Emotionen zu einer Vielfalt an Reaktionen fähig, die sich nicht in theoretischen Modellen berechnen und vorherbestimmen lassen. Durch die ebenso vielfältigen Reaktionsmöglichkeiten und Emotionen des Gegenübers bei Interaktionen prallen diese oft in potenzierender Weise aufeinander. Es entstehen Enttäuschungen und Missverständnisse, die das Leben würzen oder erschweren, je nach emotionaler Sachlage.

Die Ernüchterung oder Frustration, dass im Leben deshalb oft nicht Logik, Leistung und Qualität entscheidungsrelevant sind, sondern kleinere, oft auch übersehbare Details mit großer Bedeutung über Erfolg und Misserfolg entscheiden, die selektive Wahrnehmung mit großer Liebe zum Detail.

In diesem Moment, wo ich mich der kognitiven Erwartung gar hingeben mag, dass im Gegensatz zum Privatleben im Berufsleben sachliche Qualitätsaspekte den Vorrang haben müssen, ist die Überraschung über den Einfluss der Emotionalität jenseits der Professionalität besonders groß.

Und plötzlich befinde ich mich auf dem Glatteis, Projekte geraten ins kritische Fahrwasser, sachliche Argumente und Entscheidungskriterien sind irrelevant neben dem riesigen Gebirge der Emotionen.

Ich merke meine Ungeduld für diese kleinen emotionalen Details in beruflichen Fragen, basierte doch die ganze Ausbildung nach den Kriterien der Leistung und Qualität. Ist es möglich, uns selbst vernünftigen Argumenten zu öffnen statt Interessenvertreter in eigener Sache zu sein, lustvoll den Machtgewinn zelebrierend? Dabei wäre es sicher gut, unsere Sensibilität für die Bedürfnisse anderer zu schärfen.

Für eine gehaltvolle Antwort wäre ich dankbar…



Wider der Vernunft – II


Was ist vernünftig?

Ist es vernünftig, den Erwartungen anderer gemäß angepasst und konform seine Schritte auf der Plattform Gesellschaft zu wählen, regelmäßig zu agieren, strategisch und diplomatisch zu handeln?

Immer, wenn sich alles in mir bäumte und sträubte, hieß es sofort: „Sei vernünftig!“. Jedoch sagte man mir nicht, was genau von mir erwartet wurde, was genau ich hätte tun sollen, um vernünftig zu sein. Lediglich wurde damit vernichtende Kritik an dem geübt, was ich tat.

Und das war meist etwas, das Spaß oder Lust bereitete, weil es einfach schön war oder eine neue Herausforderung in meinem Leben darstellte – aber, da gebe ich meinen vielen Kritikern recht, stets außergewöhnlich war in dem Rahmen, in dem ich mich bewegte: in diesem Moment, in dieser beruflichen Position, in dieser Funktion, in dieser Rolle als Frau oder Mutter.

Aber was in aller Welt vernünftig?

Ist es vernünftig, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und abends aus dem Fenster zu schauen und zu warten, bis etwas passiert?

Ist es vernünftig, Sport zu treiben, nicht zu rauchen und früh ins Bett zu gehen. Und an den Wochenenden seine Einkäufe erledigen und zur Kirche zu gehen?

Ist es vernünftig, ja zu sagen, wenn man eigentlich nein meint, nur weil sich mit einem Ja einfacher lebt, weil es weniger Widerstände erzeugt?

Ich weiß nicht mehr, wann ich in meinem Leben entschieden habe, nicht vernünftig sein zu wollen wie alle anderen, ich weiß nur, dass ich es mit aller Macht getan habe. Seitdem lebe ich.

Ich liebe es, einfach nur so ein paar Stunden durch halb Deutschland zu fahren, um mit Freunden einen Kaffee zu trinken, auch wenn es unvernünftig ist.

Ich renne aus Überzeugung dagegen an, Dinge zu tun, die „wir“ schon immer so gemacht haben, auch wenn dies unvernünftig ist, weil es Feinde schafft.

Ich setze mich ein für solche, die selbst nicht für ihre Rechte kämpfen können, auch wenn es unvernünftig ist, weil man Dank nicht erwarten kann.

Ich kämpfe mit aller Macht für die Sache ohne Rücksicht auf die so genannten „politischen“ Aspekte, auch wenn es unvernünftig ist, weil man sich isoliert.

Ich schaffe Neues und Kreatives, das Gewohntes und Festgefahrenes in Frage stellt, auch wenn es unvernünftig ist, weil es Sicherheiten nimmt.

Ich verzeihe immer wieder, auch denen, die mir so oft in den Rücken gefallen sind und mich mitunter so viel Kraft kosten, auch wenn es unvernünftig ist, aber dennoch Frieden schafft.

Ich suche nach Freiheit und Autonomie auch in festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen, auch wenn es unvernünftig ist, gegen Mauern aus Angst und Starrsinn Sturm zu laufen, weil sie hart sind.

Ich lache vor lauter Freude am Leben, wenn es unvernünftig ist, weil diejenigen erwachen sollen, die ernst geworden sind in all ihrer Vernunft, erwachen sollen.

So weiß ich und spüre ich am Widerstand der anderen, dass ich lebe, mit aller Unvernunft, die das Leben mir bietet. Auch wenn der Preis ein Leben außerhalb der Gesellschaft der Vernünftigen ist. Als bunter Papagei bewundert, aber dennoch kritisch beäugt.

Den Preis bezahle ich gerne, denn ich lebe nur dieses eine Mal.

 

„Neue Literatur – Anthologie im Frühjahr 2006“, Cornelia Goethe Akademieverlag Frankfurt am Main, ISBN 3-86548-460-3, Seite 212 ff.

© Anna Raab, 1997 & 2005