Weiblichkeit 24 Stunden zwischen Kindern und Karriere

Kurz nach Mitternacht: Gerade will ich mich genüsslich umdrehen als sich unsere Tochter Eva wieder ins Bett schiebt und samt Kuscheltier Buddy ihren Platz in meinem Bett beansprucht. Keine halbe Stunde später schnarchen Eva und mein Mann um die Wette, während ich zaghaft versuche, wenigstens noch ein Zipfel Decke für mich zu retten.

Kurz nach Mitternacht: Gerade will ich mich genüsslich umdrehen als sich unsere Tochter Eva wieder ins Bett schiebt und samt Kuscheltier Buddy ihren Platz in meinem Bett beansprucht. Keine halbe Stunde später schnarchen Eva und mein Mann um die Wette, während ich zaghaft versuche, wenigstens noch ein Zipfel Decke für mich zu retten. Wenn ich denn schon auf der Kante liegen muss!
 

Drei Uhr dreißig: Auch unsere Jüngste Marie hat sich inzwischen ins Elternbett gesellt, natürlich in mein Bett. Nun machen wir einen flotten Dreier bei akutem Platzmangel!

 

Sechs Uhr: der Wecker klingelt gnadenlos. Ich scheine die Einzige zu sein, die ihn hört. Meine beiden Prinzessinnen schlafen den Schlaf der Glückseligen, während mir alle Knochen wehtun. Ich horche, ob unser Ältester den Weg aus dem Bett findet. Ein paar Schritte wandern ins Bad. Also kann ich noch ein bisschen dösen…

Mama“ ruft mein Ältester aus dem Flur. „Ruhe, deine Schwestern schlafen noch. Ich komme.“ Mühsam komme ich hoch. Es ist einfach zu früh und die Nacht war zu kurz! „Ich brauche noch 6 Euro 50 für die Lektüre in Deutsch. Und holst Du mich heute vom Fußballtraining ab?“ Warum zum Teufel ist Lukas das nicht schon gestern eingefallen mit der Lektüre, dann hätte ich jetzt noch im warmen Bett liegen können. „Ja, mache ich, wie immer.“

 

Maaama“ ruft es aus dem Schlafzimmer. Obwohl mein Mann daneben liegt, hört er es nicht. „Ja, Eva?“ „Komm bitte.“ Also zurück ins Bett. Gott sei Dank habe ich Lukas Trinkflasche schon am Vorabend gemacht und in den Kühlschrank gestellt, so dass er für den Rest allein zurechtkommt. Kaum strecke ich mich im Bett, wacht die Jüngste auf. Achtung, Zickenalarm! „Ich will mit Mama kuscheln.“ „Ich aber auch.“ Der Streit endet in einem Gekreische, Getrete und Geschubste. Ich stehe lieber auf und gehe duschen. Bin ich froh, dass ich heute arbeiten gehen darf!

 

Sieben Uhr. Eva muss für die Schule fertig gemacht werden und macht keine Anstalten sich anzuziehen. Also muss ihre persönliche Kammerzofe Mama ihr dabei helfen. Das Haare kämmen wird wieder zu einer Heulparty. Dann Marie. Die hopst und hibbelt die ganze Zeit herum. Mein Mann ist inzwischen immerhin aufgestanden und auf Klo. Das dauert länger. Gott sei Dank geht er aufs Gästeklo in der Diele. Nun muss ich mich aber beeilen. Mein erster Besprechungstermin im Büro ist um 8 Uhr 30. Kämmen, Schminken, Anzug anziehen, Schuhanzieher, Schuhe. Schnell den Frühstückstisch decken, gleich kommt Rita, unsere Haushälterin. Betten richten, lüften, und das Kaninchen und die Kanarienvögel füttern. Bin ich froh, dass ich arbeiten gehen darf.

 

Frühstück mit Haushälterin und zwei Zicken. „Kannst Du mir mein Schulbrot schmieren?“ „Ich möchte Nutella auf mein Brötchen.“ „Dann schmier es Dir doch.“ „Nein Du.“ Nach einer Viertelstunde sind alle versorgt und ich komme dazu, einen Tee zu trinken. Eva muss zur Schule losgehen. Es wird ruhiger.

 

Acht Uhr. Auf geht es. Marie muss erst in den Kindergarten. Die Wahl des richtigen Frühstücks für den Kindergarten „Gurke, nein Apfel, oder doch Gurke?“ nimmt fünf Minuten extra in Anspruch. Auf dem Weg vom Kindergarten ins Büro noch kurz bei der Schneiderin vorbei, Lukas hat schon wieder eine Hose zerrissen.

 

Acht Uhr dreißig. Erster Termin im Büro, gleich danach ein Vorstellungsgespräch. Ruckzuck ist es zwölf Uhr dreißig. Schön einfach nur ins Bistro zu gehen und sich das Essen zu holen. Ich muss nicht kochen – ich liebe es, arbeiten zu gehen!

 

Dreizehn Uhr. Es geht gleich weiter. Nach insgesamt vier Interviews können wir ein Auswahlverfahren abschließen, wir haben den richtigen Kandidaten gefunden. Dann eine Sitzung mit dem Betriebsrat, eine Betriebsvereinbarung überarbeiten. Die Kollegen testen aus, am Ende einigen wir uns, kurz bevor das Telefon klingelt. Telefonkonferenz mit Belgien, alles in Englisch. Nach dreißig Minuten Dauermonolog meines Telefonpartners auf der anderen Seite frage ich mich, warum ich das Stricken in meinen Jugendjahren aufgegeben habe. Ich hätte die Zeit so gut nutzen können! Dann zum Feierabend noch Geschäftsleitungssitzung. Erst einmal 10 Minuten Selbstdarstellung vom Kollegen Meier, ich lächle freundlich. Zur Auflockerung erzählt Herr Schulze noch ein paar Witze, Herrenzoten versteht sich. Ich lache mit, schließlich bin ich ja emanzipiert!

 
Um kurz vor sechs komme ich dazu, meine E-Mails und Post zu bearbeiten. Ich bereite einen Stapel für zuhause vor, damit ich pünktlich zum Abendessen komme. Auf dem Weg am Sportplatz vorbei. Ein supercoolen Dreizehnjährigen ins Auto laden. Viertel nach sechs, die Haushälterin steht schon in den Startlöchern, die Kinder sind geduscht und in Schlafanzügen, Haarwaschtag! Bin ich froh, dass ich das Geschrei heute nicht hatte! Ich decke schnell den Abendbrotstisch. Um halb sieben sitzen wir am Tisch, nur mein Mann fehlt. Lukas ruft ihn auf Handy an. „Bin gleich da“ ruft er durchs Telefon. Nach weiteren zehn Minuten fangen wir an, er hätte längst da sein müssen. Wir sind gerade fertig, als er um sieben Uhr kommt. „Du glaubst gar nicht, was noch los war.“

Die Kinder räumen den Tisch ab, ich schaue mir derweil die Hausaufgaben an und lese diverse Elternzettel. Die Schulen schaffen es wieder, den Elternabend auf den gleichen Tag zu legen. Wie soll ich um 19.30 Uhr an der einen Stelle und bereits um 20.00 Uhr an der anderen sein? Ich entscheide mich für den Elternabend bei Lukas und fülle den Zettel aus.

Sieben Uhr fünfzig. Die Kinder müssen ins Bett. Ich Kammerzofe ziehe aus, kämme lange Haare mal zwei und richte Zahnbürsten fürs Zähneputzen. Achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig, es ist acht Uhr, die Kinder liegen im Bett. Feierabend! „Schatz, kannst Du mir noch kurz das Feuerwehrhemd bügeln, ich muss gleich los zur Sitzung.“ „Das hätte doch Rita machen können.“ „Ich habe leider nicht mehr daran gedacht, es ihr zu sagen.“ Doch nicht Feierabend! Die Nachrichten kann ich ja auch noch später gucken…

 

Acht Uhr fünfzehn. Mein Mann ist aus dem Haus. Schnell noch die Unterlagen durchlesen. Ich höre Schritte. „Mama, ich kann nicht schlafen“ murmelt Eva im Halbschlaf. „Ich komme zu Dir, Moment.“ Ich bringe meine Mittlere wieder ins Bett. Der Griff an die Stirn zeigt mir, sie hat Temperatur. Ich verabreiche ihr unter Protest ein Zäpfchen. Dann kuschele ich mit ihr, bis sie eingeschlafen ist.

Neun Uhr. Die Spülmaschine ist durch. Ausräumen, Trinkflaschen für die Kinder für die Schule fertig machen, den Toaster für Lukas rausstellen. Schnell noch die restliche Post aus dem Büro lesen.

 

Neun Uhr fünfundvierzig. Heute Journal. Die Welt diskutiert über Eva Hermanns Buch. Ich wusste schon immer, dass ich zur Hausfrau geboren bin! Nur die wahre Freude will sich bei mir nicht einstellen. Das liegt bestimmt an mir, dass ich meine Glückseligkeit nicht in der Rolle als Familienmanagerin eines kleinen erfolgreichen Unternehmens finde.

 

Dreiundzwanzig Uhr. Gerne würde ich Johannes B. Kerner sehen. Mein Mann kommt erheitert und alkoholisiert nach Hause und erzählt mir den neuesten Dorfklatsch. Wir amüsieren uns köstlich. Und mit der tiefen Whiskystimme ist er reichlich sexy. Um Mitternacht liegt mein Mann zufrieden schnarchend neben mir, ich hoffe, diese Nacht wird ruhiger. Ich muss bereits um fünf Uhr aufstehen. Der Rote-Augen-Flieger nach Wien. Bin ich froh, dass ich Dienstreisen darf!

© Anna Raab, 07.11.2006