Warum bist Du gegangen bevor Du gekommen bist?

 

Liebste Elisa,

das Erste, was ich von Dir sah, waren schemenhafte Konturen auf dunklem Hintergrund. Ich wollte meine Augen zusammenkneifen, um Dich besser zu erkennen, was blieb, war ein Bild wie im Traum, dunkel, undeutlich und beinahe unwahr.

Zuerst dachte ich, Dein Besuch wäre mir jetzt gar nicht recht, zu sehr war meine Planung auf andere Dinge eingestellt. Aber nach einiger Zeit gewöhnte ich mich daran, mich auf Dich einzustimmen. Und schon bald stellte sich dann auch Vorfreude auf ein gemeinsames Leben ein, erst zaghaft und dann von Tag zu Tag immer mehr. Ich malte mir aus, wie es sein würde, wenn Du bei mir bist, was wir gemeinsam unternehmen könnten, was es alles zu entdecken gäbe. Ich war ungeduldig, Dich alsbald ansehen zu können, Dich in Ruhe betrachten zu können und nicht nur ein undeutliches Foto von Dir in Händen zu halten. Ich wollte wissen, was Dich fröhlich und glücklich macht, was traurig und unglücklich. Es interessierte mich, was Dir gefallen würde, was Du unternehmen würdest und was Du mir sagen würdest, wenn wir zusammen sein würden.

Das Erste, was ich von Dir hörte, war die Aufnahme einer Melodie, die ein wenig klang wie eine Harfe, oder wie ein schlecht gestimmtes Cembalo, das immer wieder den gleichen Rhythmus anstimmt. Diese Melodie hatte etwas Beruhigendes, etwas Sanftes und Klangvolles zugleich, mal lauter und mal leiser, mal schneller und mal langsamer.

Das Erste, was ich von Dir spürte, war ein leichtes und zärtliches Streicheln, fast wie ein Federstrich auf dem Papier. Dann wurden Deine Berührungen immer mutiger und herausfordernder, bis hin zu einem kräftigen Druck auf meinen Körper. Du hast Dich immer deutlicher bemerkbar gemacht, und immer wusste ich durch Dein Streicheln, Deine Hand und Deinen Fuß – Du bist da.

Und ich begann schon Pläne über unsere gemeinsame Zukunft zu schmieden, ich entwickelte tausende Ideen, was wir alles machen könnten oder sollten, entschied in meinem Kopf, was uns wichtig und unwichtig sein würde. Kurzum, ich wollte mit Dir zusammen alt werden und gemeinsam mit Dir die Welt erleben.

Und dabei frage ich mich heute: Habe ich Dich in meiner galoppierenden Phantasie zu wenig gefragt, was Du möchtest? Habe ich zuwenig auf Deine Wünsche und Bedürfnisse geachtet, zu wenig darauf Acht gegeben, dass es Dir auch immer gut geht?

Du hast mir ja nicht gesagt, was Du möchtest, was Du brauchst und was Du für Pläne, Ideen und Wünsche hast. Du hast geschwiegen und auf Deine zärtliche und nachdrückliche Weise Deinen Bedürfnissen Ausdruck verliehen, mal hast Du Dich verkrampft und mal gestreckt. Ich versuchte nach bestem Wissen, aus Deinen Botschaften zu lesen.

Habe ich Dir dennoch durch die Mauer, die Dich umgab, nicht richtig zugehört? Habe ich die Grenzen Deiner Belastbarkeit übersehen und Dich zu sehr strapaziert? Werde ich dabei überhaupt jemals Antworten auf alle meine Fragen bekommen?

Du hast geschwiegen oder ich habe Deine Proteste nicht gehört. Dann hast Du Dich lautlos verabschiedet, sozusagen plötzlich und unerwartet, ohne dass ich mich darauf vorbereiten oder damit rechnen konnte. Plötzlich hast Du aufgehört zu leben und hast ein riesengroßes Loch in mein Herz, in mein Leben, in meinen Bauch gerissen, obwohl ich gar nicht wusste, wie das gemeinsame Leben mit Dir verlaufen wäre. Ich weinte, schrie und zauderte mit dem lieben Gott, mochte nicht wahrhaben, dass Du gegangen bist. Gegangen, ohne mir die Chance zu geben, Dich wirklich kennen zu lernen und zu verstehen.

Zurück bleiben mir nur die Erinnerungen, Bilder, Aufnahmen aus unserer gemeinsamen Zeit der Hoffnung. Und doch – jetzt schmerzt es, diese Bilder zu sehen und nicht zu begreifen, warum es so kommen musste mit uns.

Ich stelle mir immer wieder vor, wie es gewesen wäre, was wir wohl gemeinsam getan hätten, was wir erlebt hätten, was Du schön gefunden hättest und was scheußlich, worüber wir hätten lachen können.

Liebste Elisa, Du hast mich verlassen, bevor ich Dich auf diesen Namen taufen konnte. Und doch wirst Du mir unvergessen bleiben. In Gedanken werde ich Dein Geburtstag feiern, auch wenn es ihn nie gegeben hat. In meiner Phantasie werde ich mir vorstellen, was Du in den jeweiligen Jahren unseres gemeinsamen Lebens getan hättest. Schade, dass Du Deine Geschwister nicht kennen lernen konntest, Du würdest sie mögen. Und sie hätten Dich verwöhnt und auf Händen getragen, denn Du wärst ja das Nesthäkchen gewesen.

Schade, dass Du nicht mehr erfahren wirst, wie sehr Du geliebt worden wärst!

Liebste Elisa, egal wo Du jetzt bist, vergiss bitte nie, dass ich Dich gerne in meinen Armen gehalten hätte und alles darum gegeben hätte, Dir eine gute Mutter zu sein. Ich werde nie erfahren, warum Du Dich auf halbem Weg entschieden hast, umzukehren und warum Dein Herz aufgehört hat, für unser gemeinsames Leben zu schlagen. Ich werde mich immer nach Dir sehnen.

Deine Dich liebende Mutter

„Neue Literatur – Anthologie im Herbst 2006“, Cornelia Goethe Akademieverlag Frankfurt am Main, ISBN 3-86548-640-1, Seite 313-317.

©Anna Raab, 29.05.06