Ohne Visitenkarte

Wenn Netz(werk)e brüchig werden

Im Grunde war ich auf diesen Tag vorbereitet. Nach der Übernahme unseres Unternehmens durch ein anderes war klar, dass die Führungskräfte ausgetauscht werden, nach und nach, ein Sterben der alten Struktur und Kultur in Raten. Und ich als Personalleiterin musste die Austritte, die andernorts entschieden wurden,  verhandeln. Ich kannte jeden der Führungskräfte persönlich, meist auch die Partner und Kinder. Wir hatten jahrelang gemeinsam die Geschicke des Unternehmens gelenkt. Es tat weh, diesen Weg vorzeitig beenden zu müssen. Ich versuchte, die Vereinbarungen so fair wie möglich zu gestalten und hoffte auf Fairness für meinen Austritt.

Die Monate vor meinem Enddatum lagen mitten in der Wirtschaftskrise, Bewerbungen kamen meist postwendend zurück, Personalleiter wurden abgebaut oder durch Interimsmanager ersetzt. Ich konnte die Tage bis zum letzten Zahltag schon bald absehen. Mit dem Job verlor ich nicht nur den Arbeitsplatz, sondern ich verlor viel mehr. Mein soziales Engagement verlor an Schlagkraft, da ich nicht mehr in der einer Position mit Einfluss stand.  Ich gab den Dienstwagen ab und stellte auf den privaten Familienvan um. Privatfahrzeuge haben in der sozialen Anerkennung nicht den Stellenwert eines Firmenfahrzeuges.

Der Abschied von den Geschäftspartnern, Mitarbeitern und Kollegen war herzlich und wehmütig. Das Versprechen in Kontakt zu bleiben, verblasste mit jedem Monat, die meine Arbeitslosigkeit dauerte. In den ersten Wochen kamen noch viele Anrufe, ein Personalleiter konnte ja schließlich für die eigene berufliche Neuorientierung nützlich sein. Mit der Zeit beschränkte sich der Kontakt auf wenige Freunde, die alten Geschäftspartner und Kollegen waren noch viel zu sehr mit den alten Themen befasst und fanden mit mir keine Neuen. Ganz frische Sozialkontakte waren fortan schon beim ersten Kontakt auf die Probe gestellt. Wenn ich nicht als „Frau von“ von vornherein als Hausfrau und Mutter abgestempelt wurde, war spätestens die Frage nach der Visitenkarte der Moment, wo viele Gesprächspartner das Gespräch oder den Kontakt abbrachen, wenn sie feststellten, dass ich keine Karte mit Firmenlogo eines der renommierten Unternehmen der Gegend geben konnte.

Das Feedback drückte auf mein Kommunikationsverhalten, anfangs klein gemacht von Anderen, fange ich schon bald an, mich klein zu reden. In den Interviews werde ich immer vorsichtiger, meine Verhandlungsmasse schwindet, je weiter ich von sozialversicherungspflichtiger Arbeit wegkomme.

Die Kinder freuten sich zunächst, ihre immer Vollzeit tätige Mutter bei sich zu haben, aber nach einigen Wochen kommen sie nicht damit zurecht, eine Vollzeit zuhause anwesende Mutter zu haben, die sich wieder mehr in Erziehungsfragen einmischt.

Das erste Jobangebot erscheint wie eine Erlösung von allem Bedrohlichen, das die Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Beim nächsten Angebot passt auch der Job auf mein Profil, ich unterschreibe.

Die Wochen vergehen wie im Flug. Kaum habe ich wieder Funktion, Titel, und Visitenkarte mit Firmenlogo, überschlagen sich die Anrufe und Kontaktanfragen von allen Seiten. Es kommen wieder Anfragen aus der Presse, plötzlich ist meine Meinung wieder etwas wert, die privaten Einladungen häufen sich wieder. Ich nehme mir nur Zeit für wenige, gehe bewusster mit meinen Kontakten um.

Im neuen Job sehe ich viele Führungskräfte, Mitarbeiter und Kollegen, die in ihrer Funktion oder im Unternehmen nicht glücklich sind, aber dennoch nicht in der Lage sind, sich einen anderen Job zu suchen, aus Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich verstehe nun, dass ihre Angst viel mehr umfasst als die Angst vor der Zeit ohne Job und ohne Geld.

© Anna Raab
 

Wenn Netz(werk)e brüchig werden

Im Grunde war ich auf diesen Tag vorbereitet. Nach der Übernahme unseres Unternehmens durch ein anderes war klar, dass die Führungskräfte ausgetauscht werden, nach und nach, ein Sterben der alten Struktur und Kultur in Raten. Und ich als Personalleiterin musste die Austritte, die andernorts entschieden wurden,  verhandeln. Ich kannte jeden der Führungskräfte persönlich, meist auch die Partner und Kinder. Wir hatten jahrelang gemeinsam die Geschicke des Unternehmens gelenkt. Es tat weh, diesen Weg vorzeitig beenden zu müssen. Ich versuchte, die Vereinbarungen so fair wie möglich zu gestalten und hoffte auf Fairness für meinen Austritt.

Die Monate vor meinem Enddatum lagen mitten in der Wirtschaftskrise, Bewerbungen kamen meist postwendend zurück, Personalleiter wurden abgebaut oder durch Interimsmanager ersetzt. Ich konnte die Tage bis zum letzten Zahltag schon bald absehen. Mit dem Job verlor ich nicht nur den Arbeitsplatz, sondern ich verlor viel mehr. Mein soziales Engagement verlor an Schlagkraft, da ich nicht mehr in der einer Position mit Einfluss stand.  Ich gab den Dienstwagen ab und stellte auf den privaten Familienvan um. Privatfahrzeuge haben in der sozialen Anerkennung nicht den Stellenwert eines Firmenfahrzeuges.

Der Abschied von den Geschäftspartnern, Mitarbeitern und Kollegen war herzlich und wehmütig. Das Versprechen in Kontakt zu bleiben, verblasste mit jedem Monat, die meine Arbeitslosigkeit dauerte. In den ersten Wochen kamen noch viele Anrufe, ein Personalleiter konnte ja schließlich für die eigene berufliche Neuorientierung nützlich sein. Mit der Zeit beschränkte sich der Kontakt auf wenige Freunde, die alten Geschäftspartner und Kollegen waren noch viel zu sehr mit den alten Themen befasst und fanden mit mir keine Neuen. Ganz frische Sozialkontakte waren fortan schon beim ersten Kontakt auf die Probe gestellt. Wenn ich nicht als „Frau von“ von vornherein als Hausfrau und Mutter abgestempelt wurde, war spätestens die Frage nach der Visitenkarte der Moment, wo viele Gesprächspartner das Gespräch oder den Kontakt abbrachen, wenn sie feststellten, dass ich keine Karte mit Firmenlogo eines der renommierten Unternehmen der Gegend geben konnte.

Das Feedback drückte auf mein Kommunikationsverhalten, anfangs klein gemacht von Anderen, fange ich schon bald an, mich klein zu reden. In den Interviews werde ich immer vorsichtiger, meine Verhandlungsmasse schwindet, je weiter ich von sozialversicherungspflichtiger Arbeit wegkomme.

Die Kinder freuten sich zunächst, ihre immer Vollzeit tätige Mutter bei sich zu haben, aber nach einigen Wochen kommen sie nicht damit zurecht, eine Vollzeit zuhause anwesende Mutter zu haben, die sich wieder mehr in Erziehungsfragen einmischt.

Das erste Jobangebot erscheint wie eine Erlösung von allem Bedrohlichen, das die Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Beim nächsten Angebot passt auch der Job auf mein Profil, ich unterschreibe.

Die Wochen vergehen wie im Flug. Kaum habe ich wieder Funktion, Titel, und Visitenkarte mit Firmenlogo, überschlagen sich die Anrufe und Kontaktanfragen von allen Seiten. Es kommen wieder Anfragen aus der Presse, plötzlich ist meine Meinung wieder etwas wert, die privaten Einladungen häufen sich wieder. Ich nehme mir nur Zeit für wenige, gehe bewusster mit meinen Kontakten um.

Im neuen Job sehe ich viele Führungskräfte, Mitarbeiter und Kollegen, die in ihrer Funktion oder im Unternehmen nicht glücklich sind, aber dennoch nicht in der Lage sind, sich einen anderen Job zu suchen, aus Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich verstehe nun, dass ihre Angst viel mehr umfasst als die Angst vor der Zeit ohne Job und ohne Geld.

© Anna Raab