Ich will hier raus..

Eigentlich beginnt diese Geschichte im Jahr 1986 mit einer Wochenendfahrt. Eine Freundin, Meike, eine frühere Klassenkameradin, Katrin, und ich hatten beschlossen, ein Wochenende ohne Männer miteinander zu verbringen. Das Reiseziel war schnell gefunden: Prag sollte es sein, die Stadt an der Moldau. Und mein Freund stellte uns sein Auto zur Verfügung.

Eigentlich beginnt diese Geschichte im Jahr 1986 mit einer Wochenendfahrt. Eine Freundin, Meike, eine frühere Klassenkameradin, Katrin, und ich hatten beschlossen, ein Wochenende ohne Männer miteinander zu verbringen. Das Reiseziel war schnell gefunden: Prag sollte es sein, die Stadt an der Moldau. Und mein Freund stellte uns sein Auto zur Verfügung.

Das Hotel wurde über ein Reisebüro gebucht und die notwendigen Visa wurden beantragt. An einem Donnerstag-abend ging es los, kurz nach 24.00 Uhr passierten wir die Grenze und kamen erschöpft, aber glücklich am Morgen in Prag an. Das Hotel hatte sicher schon einmal bessere Zeiten gesehen, aber das störte uns wenig.

Wir wanderten „Die Moldau“ pfeifend durch die Stadt, besuchten den Hradschin, die Altstadt und überkreuzten die Moldau immer wieder über die diversen Brücken. Am zweiten Tag wollten wir das Nachtleben in Prag kennen lernen und suchten am Havelplatz eine Diskothek.

Schon bald hatten wir uns durch unsere Kleidung als Ausländer entlarvt und kamen mit einigen netten Tschechen ins Gespräch, die ebenso wie wir auf Wochenendurlaub in Prag waren. Nur einer von ihnen, Alex,  sprach Englisch, die anderen verständigten sich mit Händen und Füßen. Es wurde ein lustiger Abend und zwei der Tschechen, Alex und George, baten uns um unsere Adressen. Katrin gab ihnen einen Zettel mit einer falschen Adresse. Ich dachte bei mir: „Die dürfen sowieso nicht raus aus Tschechien“ und gab George meine Adresse in Göttingen.

Einige Wochen nach meiner Rückkehr erhielt ich einen netten Brief von George in Deutsch. Er erklärte mir, dass er eine Freundin bemüht hatte, seinen Brief zu übersetzen, damit wir uns verständigen konnten. Das allein imponierte mir so sehr, dass ich ihm antwortete. Und so gingen über Jahre nette Briefe hin und her. Er erzählte von seiner Familie, ich erfuhr, dass er als Mechaniker für einen Motorradrennfahrer arbeitete. Ich schrieb ihm von meinem Studium, von Katrin und Meike und von meiner Familie.

Dann kam der 9. November 1989, der für viele Menschen die Welt veränderte und Massen an ostdeutschen Bürgern über die Studentenstadt Göttingen schwemmte. Neben dem Gänseliesel parkten Trabbanten in der Fußgängerzone. Irgendein Mensch stattete die Autos mit „Lila Pausen“ aus. An anderen waren Zigarettenschachteln hinter die Scheibenwischer geklemmt.

In diesen Novembertagen waren wir alle mit der Deutsch-Deutschen Wiedervereinigung, mit der eigenen Geschichte so beschäftigt, dass ich kaum wahrnahm, dass auch andere Länder ihre Grenzen öffneten. Bis zu jenem 21.12.1989. Ich war gerade dabei, meine Planungen für die Weihnachtstage zu machen, ich wollte meine Eltern besuchen, da klingelte es um 22.00 Uhr abends an meiner Tür. Da ich in der Göttinger Innenstadt wohnte, war es nichts Ungewöhnliches, dass Bekannte oder Freunde spontan spät vorbei schauten. Als ich die Gegensprechanlage betätigte, fiel ich deshalb aus allen Wolken, als sich George meldete.

„Anna, hier ist George aus Tschechien.“ Völlig benommen drückte ich den Summer, in meinem Kopf hämmerte es. Wie kam George hier her? Und wie aus Tschechien raus? Automatisch öffnete ich die Wohnungstür und ging zur Treppe. 

Mit zögernden Schritten hörte ich jemand die Treppen hinaufsteigen. „George, 2. Stock.“, rief ich hinunter. Ich spürte Erleichterung in seinem Blick als er hoch schaute.

Nun stand also mein jahrelanger Brieffreund vor mir und ich wusste nicht recht, was ich machen sollte. Also machte ich ihm erst einmal Essen, um Zeit fürs Nachdenken zu gewinnen. Unendlich viele Fragen schossen mir durch den Kopf: wie war er aus Tschechien herausgekommen, warum war er zu mir gekommen, wie lange wollte er bleiben? Als ich zaghaft versuchte, dieses herauszubekommen, stammelte er nur immer wieder. „Ich habe Visum.“ Mehr bekam ich auch unter größter Mühe nicht heraus.

Dann fiel mir ein, dass in meinem Stammcafe, Cafe Kadenz, eine Tscheche, Milosz, arbeitete. Ich rief dort an und hatte ihn auch gleich am Apparat. In kurzen knappen Sätzen schilderte ich ihm mein Problem, dass ich einem Dolmetscher brauchte. Milosz versprach, nach seinem Dienst vorbeizukommen. In der Zwischenzeit richtete ich George mein Bett und richtete das Gästebett für mich.

Als Milosz erschien, erfuhr ich, dass George seinen Job in Tschechien gekündigt und hatte, sein ganzes Hab und Gut ins Auto gepackt hatte und nur noch raus wollte. Er hatte Angst, dass die Regierung die Grenze wieder zumachen würde, deshalb sei er möglichst schnell abgehauen. Sein Visum war bis zum 31.01.2000 befristet, aber er wollte nicht zurück, er wollte jetzt in Deutschland bleiben, Arbeit suchen und nicht zurückkehren. Ich war platt! Was sollte ich nur mit einem Tschechen drei Tage vor Weihnachten, den ich noch nicht einmal verstehen konnte? 

Plötzlich fiel mir die Weihnachtsgeschichte ein und ich kam mir wahnsinnig herzlos vor. Ich versuchte, mich in Georges´ Lage zu versetzen, der alles hingeschmissen hatte, der alles riskiert hatte, um aus Tschechien raus zu kommen. Und ich war die einzige Adresse, die er im Westen hatte. Ich schämte mich. 

Milosz riss mich aus meinen Gedanken. Er bot an, dass George die Feiertage bei ihm und seiner Familie verbringen könnte. Nach Weihnachten müsste er wieder arbeiten, da könnte George ja wieder zu mir kommen. Über diesen Vorschlag war ich sehr dankbar.

Am nächsten Morgen versuchte ich herauszufinden, unter welchen Bedingungen es George möglich war, in Deutschland zu bleiben. Ich hatte großen Respekt vor seiner mutigen Entscheidung, alles hinter sich lassen zu wollen. Dennoch befürchtete ich, dass er enttäuscht würde, dass der so genannte „Goldene Westen“ letztendlich nicht golden ist. Die Aufenthaltsbestimmungen für Deutschland waren eindeutig. Es gab für George nur drei Möglichkeiten.

1. Durch eine Berufstätigkeit in Deutschland an ein Visum kommen. Dazu müsste er zunächst nach Tschechien zurück. Das wollte er nicht.
2. Asyl beantragen, weil er religiös und/oder politisch verfolgt wird. Das war er nicht.
3. Eine Deutsche heiraten. Die wollte ich nicht sein.

Kurz nach Weihnachten wurde George krank. Er bekam hohes Fieber. Ich konnte nicht mit ihm zum Arzt. Außerdem fürchtete er, man könnte ihm etwas antun und wollte auch nicht, dass ich meinen Hausarzt ins Haus bestellte. Am zweiten Krankheitstag fieberte er herum und war kaum noch ansprechbar. 

Ich besann mit auf Großmutters Hausapotheke und verabreichte ihm ein warmes Bier mit Zucker. Er schwitzte und schwitzte und fiel in einen 36-stündigen Schlaf. Immer wieder saß ich an seinem Bett, wechselte Wadenwickel oder wischte ihm die Stirn und machte mir ernsthafte Sorgen. 

Als er aufwachte, war das Fieber gesunken und seine Augen waren wieder klarer. Ich schickte ihn unter die Dusche, wechselte die Bettwäsche und bat Milosz zu kommen.

Mit Milosz Hilfe wirkte ich seiner Hoffnung entgegen, dass ich ihm zuliebe eine Hochzeit initiieren würde, damit er in Deutschland bleiben könnte. Ich versuchte ihm zu erklären, dass er nach Tschechien zurück müsste, um von dort seine neue Existenz aufzubauen und riet ihm, für ein Leben in Deutschland zunächst einmal die deutsche Sprache zu erlernen. George aber hatte gelernt, der Regierung und den Systemen in seinem Land zu misstrauen, er konnte sich nicht vorstellen, dass sich mit der Grenzöffnung daran etwas ändern sollte. 

Durch George lernte ich verstehen, wie verzweifelt die Menschen in den Ostblockstaaten gewesen sein mussten, dass sie Familie und Heimat hinter sich ließen, nur um nicht mehr in diesem Land gefangen zu sein. Ich lernte, wie viel Freiheit für jemanden bedeutete, der jahrelang gefangen war. Und ich verstand plötzlich, wie viel Mut und Hoffnung ihm meine Briefe all die Jahre gegeben hatten, auch wenn sie nichts Besonderes an Inhalt enthalten hatten.

Und wie ist die Geschichte von George zu Ende gegangen?

George kehrte im Januar doch nach Tschechien zurück. Genauso plötzlich, wie er gekommen war, verschwand er von einem Tag zum anderem nach einem kurzen Abschied wieder aus meinem Leben. Nach einigen Wochen bekam ich einen Brief von ihm wie früher in Deutsch. George beschrieb mir darin all die Veränderungen und Umbrüche, die es nun in seinem Land gab. Zunächst kehrte er in seinen Job zurück, doch schon bald lernte er von der Wende zu profitieren. Er kaufte gebrauchte Autos in Deutschland, exportierte und reparierte sie, um seine Landsleute mit Westautos zu versorgen. Es ging ihm gut. Nach einem Jahr antwortete er nicht mehr auf meine Briefe. Milosz erzählte mir, dass er eine Frau gefunden hatte. Eine Tschechin. Ich freute mich sehr für ihn.

„Ich will hier raus“ in „Ich habe es erlebt!“ –  Das späte 20. Jahrhundert in Zeitzeugenberichten, Hrsg: Sandra Schneider (2005); Cornelia Goethe Akademieverlag Frankfurt am Main, ISBN 3-86548-070-5, Seite 275 ff.
© Anna Raab