„Die Krise der Männer“

 

Was ist nur mit Deutschlands Männern los?

Haben Sie, nachdem sie sich nicht mehr gegen das Vorrücken der Frauen im Beruf wehren können und die Emanzipation einzelner Exemplare nicht verhindern können, ihre Existenzberechtigung als Patriach, ihre Rolle als Ernährer und Beschützer der Familie verloren?

Es gibt in unserer Welt keine wilden Tiere mehr, die das schwache Geschlecht und die Familie bedrohen könnte, wo das Kraftpaket Mann als Held hervorgehen kann. Für Häuser gibt es Alarmanlagen und Schlösser, gegen ungewollte Schwangerschaft Verhütungsmittel oder Personal fürs ungeplante Kind. Frau arbeitet und verdient ihr Geld selbst und gibt es auch selbst aus, trifft ihre Entscheidungen allein. Noch verdient sie nur das, was Mann in Entscheidungspositionen ihr zugesteht, aber sie wird in immer größerer Anzahl zur Entscheiderin.

Mann kann sich mehr länger ausruhen auf sein Recht zu herrschen oder zu bestimmen, was Frau tun soll. Frau geht – zur Not auch allein – ihren Weg.

Es gibt keine Wölfe mehr, nur noch Wölfe im Schafspelz, die ab und zu mal lauthals blöken, wenn sie sich zurückgesetzt fühlen. Oder Wölfe im Zoo, die sich als tapfere Helden einer vergangenen Zeit bestaunen lassen.

Männer heute sind in einer neuen Rolle gefangen, als Begleiter der Frau oder als Sexualobjekt, als Unterhalter oder Gesprächpartner. Aber die Partnerrolle liegt ihnen nicht.

Sie sind von klein auf zur Rivalität erzogen, werden von den Begeisterungsstürmen ihrer Mütter und Väter zur Durchsetzungskraft und Willensstärke und zum Kampf angetrieben. Nun wirken sie kämpferisch wie ein Stier in einer leeren Arena ohne Publikum – niemand nimmt Notiz vom Kampfbullen und applaudiert der vermeintlichen Stärke und Tapferkeit.

In einer zweigeschlechtlichen Welt bewegen diese Männer sich äußerst schwerfällig und träge, mitunter sehen sie dabei rote Tücher, wo keine sind.

In der Rolle als Partner aber versagen sie, zumindest in den Augen der Frauen, die nicht in althergebrachten selbstverständlichen Rollenmustern verharren, sondern für sich selbst Privilegien erarbeiten wollen und können. Die sich nicht nur auf die Leistungskraft eines Mannes verlassen wollen und die ihren Partner aus der Einseitigkeit ihrer Rolle befreien wollen, indem sie selbst zum gemeinsamen Lebensunterhallt beitragen.

Die wenigen Exemplare der Versorger-Männer sind im Symbiosenetz ihren versorgten abhängigen Frauen (und Kinder) gefangen. Beide behüten sich gegenseitig. Er sie vor der Arbeitswelt, sie ihn vor der sozialen Umwelt und vor der Auseinandersetzung mit organisatorischem Alltag. Glücklich schätze sich, wer in dieser Symbiose der Kompromisse und Zugeständnisse ohne Perspektive auf Entwicklung glücklich sein kann.

Die anderen Männer, was ist mit denen los? Wenn sie gestern noch neidvoll auf die funktionierende Arbeitsteilung ihrer Eltern geschielt haben, so müssen sie heute feststellen: die alten Arenae der Stiere gibt es nicht mehr. Die sind zu Reliquien, zu Museen geworden, die neuen Kampffelder sind weit und nach allen Seiten offen. Und statt im freien Feld die Entwicklungschancen zu sehen, von der Last der einseitigen Ernährer- und Versorgerrolle befreit tief durchzuatmen, schnauben sie verharrend in alten Mustern. Und wenn sie dann in einer gescheiterten Freundschaft, Beziehung oder Ehe ihre Disqualifikation durch den Verlust einer weiteren Chance erleben mußten, stemmen sie entweder alle vier Hufe in den Boden oder rennen blindlings los, um den vermeintlichen Feind zu schlagen.

Was ist nur mit Deutschlands Männern los?

Die meisten sind leider immer noch das geblieben, was sie früher einmal als Mann ausgezeichnet hat, wie Kriegsveteranen mit einem verstaubten Anzug und antiquarischen Orden. Und das ist in den Augen der meisten Frauen nicht mehr ganz zeitgemäß. Denn die sind heute immer öfter unabhängig und brauchen keinen Platzhirsch mehr.

Und wer da nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. 

von Anna Raab

 

„Die Krise der Männer“ in „Neue Literatur“ – Anthologie im Frühjahr 2005; Cornelia Goethe Literaturverlag Frankfurt
am Main; ISBN 3-86548-170-1, Seite 230 ff.
© Anna Raab