Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

 

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

Neu erzählt

Mutter zu sein ist eine Herausforderung im Leben, die mich oft über meine Grenzen gefordert hat. Während ich für viele Aufgaben im Leben Kurse besuchen konnte, studieren konnte oder Literatur fand, die mir den Weg durch den Dschungel der wechselnden Anforderungen gab, war und ist Mutterleben eine außerordentliche Geschichte.

 

Schon die Schwangerschaft war ein Faktum, dass meine Lebensplanung auf den Kopf stellte. Laut Ärzte zuvor konnte ich ohne operativen Eingriff nicht schwanger werden, was mir jahrelang das Glück bescherte, mich nicht mit den Nebenwirkungen von diversen Verhütungsmitteln herumzutragen.

 

Die Geburt meines Sohnes hätte mich dann fast mein Leben gekostet. Unter der Geburt wurde ich bewusstlos. Der kleine Kerl hatte sich mich seinem Kopf im Beckenboden fest gerammt und rannte bildlich mit dem Kopf gegen die Wand. Die Geburt war dabei schon zu weit fortgeschritten, so dass es für einen Kaiserschnitt zu spät war. Außerdem bezweifelten die Ärzte, ob sie aufgrund meiner Bewusstlosigkeit überhaupt das Risiko eingehen durften, eine Betäubung zu setzen. Irgendwie fand Lukas dann doch noch seinen Weg nach draußen.

 

Die ersten Wochen kosten jede Mutter in besonderer Weise Kraft, die Umstellung auf ein Leben zu dritt, der Schlafentzug, das Stillen. Mein Sohn fraß mich regelrecht auf. Er war mit seinen fast 9 Pfund und 59 cm Startkapital besonders kräftig gebaut und wollte wachsen. Der kleine Nimmersatt kam zum Schluss Tag und Nacht fast jede Stunde, und ich hatte unendlich abgenommen, so dass die Hebamme Alarm schlug und zum vorzeitigen Abstillen riet.

 

Lukas entwickelte sich prächtig, er brauchte aber unendlich viel Zuwendung, die wir uns bemühten ihm immer wieder zu geben. Durch mein berufliches Engagement wurde Lukas nach dem gesetzlichen Mutterschutz tagsüber von einer Kinderfrau oder Au-pair-Mädchen betreut. Lukas war der Mittelpunkt unseres Lebens und hatte immer eine Betreuungsperson an seiner Seite.

 

Spät wurde Lukas Bruder. Er war schon 5 Jahre und bis dahin gewohnt, dass sich viel um ihn drehte. Er war folglich sehr eifersüchtig auf seine kleine Schwester und fühlte sich von diesem Moment stetig benachteiligt, weil er die Aufmerksamkeit teilen musste. Es half nichts, mehr Zeit mit ihm zu verbringen oder seine Wünsche phasenweise in den Vordergrund zu stellen. Sein unbändiger Appetit wiederholte sich auf einer anderen Ebene.

 

Eine weitere Schwester komplettierte die Familie, Lukas fühlte sich aber noch mehr hinten an, teilte nun aber dieses Schicksal mit seiner ersten Schwester und die beiden wurden zu Verbündeten in der Sache.

 

Der Verlust einer weiteren Schwester vor der Geburt derselben machte ihn zornig, als sei sie ihm persönlich genommen worden.

 

Lukas begann mehr und mehr, Ersatzbefriedigung im Haben und Bekommen von Dingen zu suchen. Er musste alles haben, was in seinem Blickfeld erschien. Einige, aber nicht alle Wünsche konnten ihm erfüllt werden. An dem, was er bekam, hatte er in der Regel nur kurze Freude, er fokussierte sich immer auf das, was er gerade nicht hatte oder bekommen konnte. Immer wieder drängelte er, fast wie von einer Sucht getrieben, Dinge haben zu müssen, die andere besaßen oder die ihm gefielen. Ein Nein, das hie und da unvermeidlich war, versetzte ihn in Zorn.

 

Irgendwann begann es dann. Er fing an, sich selbst zu bedienen und Dinge zu nehmen. Zunächst nahm er die Dinge, die er haben wollte und nicht auf Anhieb bekam. So verlor er erste Freunde und musste sich immer wieder neue unbelastete Freunde suchen. Er nahm immer wieder Geld, aus unserem Portemonnaie, aus dem der Haushälterin, von Freunden, um sich die Dinge für sich und andere zu kaufen, die er so begehrte. Natürlich flog er immer wieder auf und musste die Sachen oder das Geld wieder zurückgeben. Und sein Gefühl, nie mit dem zufrieden zu sein, was er hatte, steigerte sich so nur noch mehr. Schließlich begann er, absichtlich sein Spielzeug oder technische Dinge wie sein Handy oder Fotoapparat zu zerstören, um neue Sachen zu bekommen.

 

Die Notwendigkeit, für begehrte Dinge zu sparen oder später kleinere Arbeiten zu verrichten, lehnte er grundweg ab. Wenn er nicht umhin kam, kleinere Arbeiten verrichten zu müssten, absolvierte er sie so schlecht, dass er sicher gehen konnte, nie wieder gefragt zu werden.

 

Neidvoll schaute er immer wieder auf seine Schwestern, die wochenlang ihr Taschengeld sparten und andere Entbehrungen auf sich nahmen, um sich einen sehnlichen Wunsch zu erfüllen.

 

Immer öfter versank Lukas in eine zweite Welt, in der er Held war. Er begann, Musik zu schreiben und träumte davon, mit dieser berühmt zu werden und sich dann alle materiellen Wünsche erfüllen zu können. Er träumte von iphone, Computer und andere technischen Dingen, schaffte es jedoch nicht, einen angefangenen Auftrag wie Prospektverteilung zum Ende zu bringen. Er träumte von einem sagenhaft guten Abitur, wollte Medizin studieren, um Rechtsmediziner zu werden, schaffte aber gerade die 10. Klasse, nachdem zuvor eine Versetzungswarnung ausgesprochen wurde. Er hatte unheimlich viele Freunde in Facebook, verbrachte aber die Nachmittage und Abende allein in seinem Zimmer oder, wenn er durfte vorm PC oder Fernseher.

 

Immer mehr trotzte dieses Kind. Je mehr es sich vor einer Mauer oder in eine Sackgasse festgelaufen hatte, desto mehr war Lukas gegen alles: seine Eltern waren doof, weil sie ihn zu mehr Fleiß und Ehrlichkeit anhielten, seine Lehrer waren ungerecht, weil sie sein seiner Meinung nach unbegrenztes Talent nicht erkannten, seine Schwestern waren doof, weil sie Ergebnisse erzielten, in der Schule, in ihren Hobbys, die ihm mangels Fleiß oder Durchhaltvermögen verwehrt blieben.

 

Irgendwann ging uns Lukas verloren, die immer wieder sich um die selben Themen drehenden Gespräche verstummten. Er fing an, seine Umwelt permanent anzugreifen, seine Schwestern zu schlagen, seine Eltern zu beleidigen und seine Freunde zu bestehlen und zu verletzen. In seiner Welt trug er nie die Verantwortung für sein Tun, Lukas belog nicht nur seine Umwelt, sondern immer öfter sich selbst. Mehr und mehr glitt er uns aus den Händen. Wir versuchten es mit externer Hilfe. Diverse Betreuungseinrichtungen wollten ihn nicht, andere er nicht. Das gemeinsame Leben wurde mehr und mehr zum Nebeneinander.

 

Lukas ging – für immer – und brach jedweden Kontakt ab. Zuvor beschuldigte er noch seine Familie und kehrte fast allen Freunden und Verwandten den Rücken zu. Er baute sich eine neue Welt, die ihm schöner und friedlicher erschien, außerhalb der Kritik seiner Freunde und Familie. Von Bekannten gefragt, hat er immer neue bunte Geschichten über seinen Weggang, die Wahrheit reflektieren sie nicht.

 

Wir werden nicht wie im Gleichnis in der Bibel auf seine Rückkehr warten. Wir wünschen Lukas alles erdenklich Gute und hoffen, dass er seinen Weg findet. Nun haben wir von einigen anderen Jugendlichen gehört, deren Schicksal einen ähnlichen Verlauf genommen hat. Eine Jugend, die gegen das Leben kämpft. Eine verlorene Jugend oder ein neuer Weg, Erwachsenwerden zu leben?

 

Anna Raab 2011